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Pressekonferenz: Entwicklung/Situation und neue Maßnahmen zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im niedergelassenen Bereich

Neue Formen des Job-Sharing - Finanzieller Ausgleich für Mehrbelastung

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Am Mittwoch den 1. Juli 2015 fand in der VGKK eine Pressekonferenz zum Thema "Ärztliche Versorgung im niedergelassenen Bereich" mit Manfred Brunner (Obmann der Vorarlberger Gebietskrankenkasse) und Mag. Christoph Metzler (Direktor der Vorarlberger Gebietskrankenkasse) statt.


Die medizinische Versorgung der Versicherten im niedergelassenen Bereich wird durch verschiedene Rahmenbedingungen stark beeinflusst. Neben der Quotenregelung an den Medizin-Unis wird die Situation - also der Wettbewerb zwischen Krankenhäusern und niedergelassenem Bereich um Ärzte -  weiter angeheizt durch die neue Arbeitszeitregelung an den Krankenhäusern.  Dazu kommt – bedingt durch die Grenznähe und die Niederlassungsfreiheit innerhalb der EU – neben der nationalen Konkurrenz auch die Konkurrenzsituation nach außen. Das ist natürlich keine Einbahnstraße, es gibt auch den umgekehrten Weg, also den Zuzug von Medizinern aus dem innerösterreichischen und internationalen Raum.

 

Das Thema Ärztemangel erfordert grundsätzlich eine differenzierte Betrachtungsweise. Tatsache ist,

 

  • dass die Zahl der Ärzte in Österreich von1970 bis 2012 von 12.438 auf 41.286 (plus 232 Prozent) gewachsen ist. Die Bevölkerung wuchs in diesem Zeitraum um 12,85 Prozent (siehe OECD-Bericht 2014).

 

  • dass Österreich laut OECD die zweithöchste Ärztedichte innerhalb der OECD-Länder aufweist (4,9 Ärzte auf 1000 Einwohner; im EU-Schnitt sind es 3,6).

 

Der niedergelassene Bereich bzw. der Vertragsärztebereich muss mit attraktiven Angeboten auf allen Ebenen – regional, national und international – punkten, um konkurrenzfähig zu bleiben. In Zusammenarbeit mit der Ärztekammer wurden deshalb nachstehend genannte  Maßnahmen gesetzt, um die Versorgung im niedergelassenen Bereich zu sichern.  Wir sind sicher, dass diese Maßnahmen die Situation – ergänzend zu den bereits erfolgten Anpassungen – weiter entspannen und dazu beitragen, dass die VGKK ihren Versorgungsauftrag nach ihren Möglichkeiten auch künftig erfüllen wird.

     

Die aktuelle Situation

 

Vertragsarztstellen

In Vorarlberg arbeiten 328 Vertragsärzte, davon sind 159 Allgemeinmediziner. Der Rest verteilt sich auf die diversen Facharzt-Richtungen.

 

Die Ärzte verzeichnen in Vorarlberg pro Jahr rund drei Millionen Patientenkontakte. Im Zeitraum zwischen 2012 und 2014 ist die Frequenz um 5,1 Prozent gestiegen. Das ist deutlich mehr als in den Ambulanzen der öffentlichen Krankenanstalten. Dort wurde insgesamt eine Steigerung von 3,24 Prozent errechnet, was 480.000 Patientenkontakten entspricht. Das Krankenhaus Dornbirn weist sogar einen Rückgang um 0,46 Prozent auf. „Lassen Sie es mich ganz klar sagen, die absolute Hauptlast in der ambulanten Versorgung spielt sich im niedergelassenen Bereich ab“, wird VGKK-Obmann Manfred Brunner deutlich.

 

Diese Steigerungsraten konnten nur durch eine Vielzahl von Maßnahmen bewältigt werden. Im Einvernehmen mit der Ärztekammer wurden als erster wichtiger Schritt  in den letzten drei Jahren zwölf neue Vertragsarztstellen geschaffen:      

 

          3 FA für Orthopädie und orth. Chirurgie           (Lingenau, Dornbirn, Bregenz)         

          2 FA für Kinder- und Jugendpsychologie (Bregenz, Götzis)

          2 Ärzte für Allgemeinmedizin (Lustenau, Blons)

          1 FA für Psychiatrie und Neurologie (Lingenau)

          2 FA für Haut- und Geschlechtskrankheiten (Nenzing, Götzis)

          1 FA für Augenheilkunde (Bludenz)

          1 FA für Innere Medizin (Bregenz)

 

Im August wird zudem eine weitere Vertragsarztstelle für Orthopädie für Dornbirn neu ausgeschrieben.

 

Dennoch verkennen wir nicht die Problematik, dass bis 2020 52 Fachärzte und 50 Allgemeinmediziner von insgesamt 328 das 65. Lebensjahr erreichen werden. Um das Versorgungsniveau und die hohe Ärztedichte zu halten, sind viele Nachbesetzungen notwendig. Das ist nur mit innovativen Lösungsansätzen mit folgender Ausrichtung möglich:

 

  • Familienfreundliche Modelle schaffen, die den gesellschaftlichen Entwicklungen entgegen kommen, insbesondere vor dem Hintergrund, dass es immer mehr weibliche Medizin-Absolventen gibt;
  • Attraktive Arbeitszeiten durch entsprechende Arbeitszeitmodelle für Ärzte ermöglichen;
  • Konkurrenzfähigkeit zu anderen Angeboten für Ärzte – Krankenhäuser, Wahlärzte - mit entsprechender Gestaltung der Rahmenbedingungen erhalten;
  • Synergieeffekte für Patienten und Ärzte (erweiterte Öffnungszeiten, geringere Kosten für die Infrastruktur in Arztpraxen) bieten;

Um diesen Ansprüchen zu genügen wurden im Rahmen der neuen Honorarordnung neue Zusammenarbeitsformen für Vertragsärzte geschaffen:

 

  • Praxisgemeinschaften / Gruppenpraxen / Übergabepraxen
  • Verschiedene Formen des Jobsharing

a) Vorübergehendes Jobsharing (befristet auf vier Jahre,  längstens jedoch sechs Jahre)

b) Dauerhaftes Jobsharing (unbefristet)

c) Gemeinsame Bewerbung auf einen neuen Kassenvertrag (unbefristet)

 

Derzeit wird Jobsharing in fünf Ordinationen praktiziert:  

 

Koller/Schenk Augenärzte Dornbirn
Schneeberger/Meykadeh Hautärzte Nenzing
Geiger/Karitnig Kinderärzte Dornbirn
Häfele/Eder Allgemeinmediziner Lustenau
Jäger/Berchtold Allgemeinmediziner Schlins

  

Aufgrund der gemachten Erfahrungen mit dem Modell wird diese Praxisform in Zukunft sicher verstärkt nachgefragt werden.

 

Ein weiteres innovatives Pionierprojekt in Österreich, auf dessen Umsetzung wir mit Land, Bund und Ärzteschaft hingearbeitet haben, ist das im Herbst 2014 gestartete, auf zwei Jahre angelegte Pilotprojekt mit Lehrpraxen für angehende Allgemeinmediziner.  Pro Jahr können dadurch sieben Jungärzte eine Lehrpraxis absolvieren. Davon erhoffen wir uns, dass sich auf Grund dieser Praxiserfahrungen wieder mehr Mediziner für den niedergelassenen Bereich entscheiden. Die Nachfrage nach dem Modell ist groß. Die sieben Ausbildungsplätze in den Praxen von

  • Dr. Guntram Hinteregger, Alberschwende
  • Dr. Joachim Hechenberger, Hohenems
  • Dr. Peter Pircher, Frastanz
  • Dr. Kurt Jenny, Bludenz
  • Dr. Robert Spiegel, Dornbirn

sind für die Dauer des Pilotprojekts bereits ausgebucht.

 

Eine Verbesserung der Versorgung erfolgt aber nicht allein über mehr Ärztestellen, sondern auch über die Schiene, dass ein Arzt mehr Patienten behandelt. Dazu wurden in der Honorarordnung 2013 Anreize durch eine deutliche Abflachung der degressiven Honorierung geschaffen und das Ziel einer Frequenzerhöhung bei den einzelnen Ärzten festgeschrieben. Um die Wirksamkeit der Maßnahmen überprüfen zu können, haben wir mit Ende 2014 eine Evaluierung vorgenommen. Diese war in den Hauptproblem-Fachgruppen höchst erfolgreich:

  

Augenheilkunde und Optometrie                                         + 12,61 Prozent

Haut- und Geschlechtskrankheiten                                     + 42,87 Prozent

Orthopädie und orthopädische Chirurgie                             + 17,11 Prozent

 

Die vertragliche Vorgabe von einem Plus von jeweils 10 Prozent wurde in diesen Fachbereichen also deutlich übertroffen.

 

Die Probleme bei der Nachbesetzung von Vertragsarztstellen zeigen sich insbesondere im ländlichen Bereich. Aktuell sind folgende Ärztestellen nicht besetzt:

 

  • Mellau (Bewerbung liegt vor)
  • Hohenems (Bewerbung liegt vor)
  • St. Anton im Montafon (offen)
  • Schoppernau (offen)
  • Höchst (Beginn 1. Juli 2015)

  

Neue Maßnahmen

 

Die aus den bisher gesetzten Maßnahmen gewonnen Erkenntnisse sind nunmehr in zwei  weitere wesentliche Versorgungsverbesserungen geflossen, die vom VGKK-Vorstand erst gestern beschlossen wurden. Diese betreffen:

 

  • Ergänzend zu den bereits bestehenden Jobsharing-Angeboten das so genannte „Erweiterte Jobsharing“. Dieses ist in zwei Fällen möglich:
    • Bei vakanten Stellen und
    • bei vorübergehenden Versorgungsengpässen

kann eine Stelle auf bis zu 190 Prozent aufgstockt und mit einem zweiten Arzt geteilt werden.

  

  • Ausgleich für Mehrbelastung von Ärzten durch nicht besetzte Vertragsarztstellen:

Eine Obmann-Verfügung und ein entsprechender Vorstandsbeschluss machen es möglich, dass Ärzte eine bessere Abgeltung ihrer Leistungen erhalten, wenn sie durch die Betreuung von zusätzlichen Patienten Mehrarbeit übernehmen, die anfällt, wenn Vertragsarztstellen nicht sofort nachbesetzt werden können.